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Fragen über Fragen, Sinn oder Unsinn?
Dieser Eintrag stammt von Tolo Am 1.8.2009 @ 23:50 In Gedanken | 1 Kommentar
Fragen über Fragen, Sinn oder Unsinn?
In der Druckausgabe der MZ vom 30.07.2009, im Quedlinburger Harz Boten, ist auf Seite 9, unter der Überschrift „Fragen über Fragen zum Gildefest“, auch folgendes zu lesen: „Die erste Frage ist bereits eingegangen. Sie lautet: Wie viel Kultur verträgt Quedlinburg?“ Einmal davon abgesehen, dass Leser ihre Meinung zu dieser Frage schon äußern und natürlich weitere Fragen stellen können, welche zum Gilde-Talk, im Rahmen des Gildefestes vom 8. bis 9.August, Regionalpolitikern gestellt werden sollen, möchte ich hier meine Gedanken zur oben genannten Frage äußern.
Dem Volksmund zufolge gibt es keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten, welches sicher auch für diese Frage zu trifft. Aus diesem Grund erachte ich es nicht nur als wichtig sich inhaltlich mit der Frage auseinanderzusetzen, sondern auch zu versuchen den Hintergrund für diese Frage zu ergründen.
Ja, wie viel Kultur verträgt Quedlinburg? Um nun zu ergründen, wie viel man von einer Sache verträgt, oder wie viel von einer Sache verträglich ist, ist es angebracht sich mit der Sache selbst zu beschäftigen. Was ist eigentlich Kultur und was wird darunter verstanden, ja, was könnte mit Kultur gemeint sein, wenn sie im obengenanten Kontext verwand wird. Eines ist sicher, genauso wie diese Frage ein Eigenkonstrukt des Veranstalters, oder der Moderatoren ist, ist diese aus bestimmten Erwägungen platziert worden und somit Kultur mit einem, diesen Erwägungen entsprechenden Inhalt versehen worden.
Aber was ist nun Kultur?
„Der Kulturbegriff als Zusammenfassung der sprachlichen und lebensstilbezogenen Eigenheiten, der intellektuellen (sowohl technischen wie religiösen und künstlerischen) Praktiken des Wert- und Normgefüges, generell also der kommunikativen und instrumentellen Kompetenzen einer Gesellschaft oder Gruppe.“*
Und diese kommunikativen und instrumentellen Kompetenzen einer Gesellschaft, oder Gruppe sind nun Gegenstand der Frage? Was gibt es da mehr oder weniger nicht zu vertragen? Etwa weg mit den Wert- und Normgefügen, fort mit den Kompetenzen?
Bei [1] Wikipedia ist zu lesen:
„Kultur (von lat. colere) ist im weitesten Sinne alles, was der [2] Mensch selbst [3] gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten [4] Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der [5] Technik, der [6] Bildenden Kunst, aber auch geistiger Gebilde wie etwa im [7] Recht, in der [8] Moral, der [9] Religion, der [10] Wirtschaft und der [11] Wissenschaft.
Der Begriff der Kultur ist im Laufe der Geschichte immer wieder von unterschiedlichsten Seiten einer Bestimmung unterzogen worden.[12] [1]. Je nach dem drückt sich in ihm das jeweils lebendige Selbstverständnis und der [13] Zeitgeist einer [14] Epoche aus, der Herrschaftsstatus oder -anspruch bestimmter Klassen oder auch wissenschaftliche und [15] philosophisch-anthropologische Anschauungen. Die Bandbreite seiner Bedeutung ist dementsprechend groß: Sie reicht von einer rein beschreibenden ([16] deskriptiven) Verwendung („Die Kultur jener Zeit.“) hin zu vorschreibenden ([17] normativen), wenn bei letzterem mit dem Begriff der Kultur zu erfüllende Ansprüche verbunden werden.
Der Begriff kann sich auf eine enge Gruppe von Menschen beziehen, denen allein Kultur zugesprochen wird, oder er bezeichnet das, was allen Menschen als Menschen zukommt, insofern es sie beispielsweise vom Tier unterscheidet. Während die engere Bestimmung des Begriffs meist mit einem Gebrauch im [18] Singular („die Kultur“) verbunden ist, kann ein weiter gefasster Begriff auch von „den Kulturen“ im Plural sprechen.“
Wie dem immer auch sein möge, sie ist nicht handelbar! Und schon allein der Definition entsprechend, ist oben gestellte Frage völliger Humbug! „Wie viel Kultur verträgt Quedlinburg?“, ja wie viel wird es schon vertragen, bis zur Kulturlosigkeit? Zurück zur Natur, das Bewusstsein an den Nagel gehängt und auf die Bäume ihr Affen?
Ich frage mich ernsthaft, wird über Fragen, deren Inhalt und Sinn überhaupt noch nachgedacht? Irgendwann habe ich einmal gelesen, dass es heute auch darauf ankommt den Kampf um die Begriffe zu führen, wie wahr! Der Kulturbegriff ist ein solcher, welcher mit allem Möglichen, wie auch unmöglichem belegt wird, seinem Ursprung damit entfremdet und so für völlig Abwegiges missbraucht werden kann.
Die gestellte Frage assoziiert Kultur als einen Kostenfaktor, wie so vieles wird hier versucht Kultur in die Warenform zu pressen, um sie handelbar zu machen und den Bedürfnissen des Marktes anzupassen. Nur ist Kultur wesentlich mehr und ob sich Entwicklung in ein Korsett pressen lässt ist berechtigter Weise zu bezweifeln. Kultur ist Ursprünglich die Aneignung und pflegende Veredlung der rohen, äußeren Natur; analog auch Bändigung und Höherentwicklung der inneren Natur. Kultur bezeichnet vorrangig einen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Abgrenzungsprozess und selbstwertbetonte Identität gegen anderes und andere. Auch wenn es heute wie oben* geschrieben allgemeiner ausgedrückt wird, wird sie doch von gesellschaftlichen Verhältnisse hervorgebracht, geprägt und verändert, sie ist keine Frage des Vertragens, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse. Darum geht es in der Frage aber nicht, in der Frage geht es um den so genannten Kulturbetrieb. Quedlinburg gehört zum Weltkulturerbe, es sind die sichtbaren Spuren von Kultur, von kultureller Entwicklung, welche Quedlinburg für Besucher interessant machen. Diese Spuren zu erhalten ist durchaus mit einigem Aufwand verbunden, nur wenn dieses nicht getan wird, werden letztendlich diese Spuren verwischt. Andererseits ist aber gerade dieses kulturelle Erbe unter den gegebenen Verhältnissen ein entscheidender Wirtschaftsfaktor.
Den Fragestellern geht es um bestimmte Formen, in welche sich Kultur gelegentlich ausdrückt und in erster Linie um die Verteilung der geringen Mittel der Stadt.
Da wären zum Beispiel das Theater, die Museen, Jugendeinrichtungen, eine für den Tourismus notwendige Infrastruktur und nicht zu vergessen der gesamte Verwaltungsaufwand für dieses Erbe, was zu finanzieren ist. Kosten welche aufgebracht werden müssen und deren man sich gerne entledigen würde, wenn es möglich wäre.
So müsste es in der Frage nicht darum gehen wie viel Kultur Quedlinburg verträgt, denn da ist sicher noch mehr möglich als jetzt, sondern darum welche Kosten in Zeiten immer knapperer Kassen zu sparen sind. Wie kurzsichtig solche Fragen sind, zeigt ein Blick hinter die Kulissen. Was vordergründig als Last gesehen wird, nämlich die Ausgaben für das Weltkulturerbe, ist derzeit eigentlich die entscheidende wirtschaftliche Infrastruktur der Stadt Quedlinburg. Kein Wirtschaftszweig beschäftigt in dieser Stadt mehr Menschen, kein Wirtschaftszweig bindet mehr Geld in der Stadt, als der Tourismus.
Da das kulturelle Erbe aber nicht in seiner wirtschaftlichen Bedeutung für diese Stadt gesehen wird und da eine völlig falsche Vorstellung von Kultur propagiert wird, kommt es eben zu der irrwitzigen Vorstellung, dass an diesem Posten der Stadt ohne wirtschaftliche Folgen gekürzt werden könnte.
Wenn sich diese Stadt bestimmte Sachen nicht mehr leisten sollte, wie Theater, Museen, Jugendeinrichtungen etc. so wird dieses sicher auch Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der Stadt haben, die Kultur wird sich verändern, wie sie sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten schon verändert hat, aber nicht zum Vorteil der Menschen. Kultur ist das menschliche Leben selbst, menschliches Leben bringt sie hervor und wandelt sie, sie ist keine Frage des Vertragens, oder des Wollens, sie ist einfach da und mit unseren Taten beeinflussen wir ihre Entwicklung, aber auch hier [19] gilt: „Die Zwecke der Handlungen sind gewollt, aber die Resultate, die wirklich aus den Handlungen folgen, sind nicht gewollt, oder soweit sie dem gewollten Zweck zunächst doch zu entsprechen scheinen, haben sie schließlich ganz andere als die gewollten Folgen.“
Ja, wie viel Kultur verträgt Quedlinburg? Vielleicht zurück in die Steinzeit, da war die Kultur noch eine ganz andere? Vielleicht aber auch über die Verteilung der Kosten nachgedacht und jene mehr an diesen beteiligen, welche von den kulturellen Errungenschaften, dem kulturellem Erbe wirtschaftlich am meisten profitieren.
Übrigens wäre folgende Frage angebrachter, weil treffender: Wie viel ungenutztes Gewerbegebiet verträgt Quedlinburg? Wenn schon wirtschaftliche Infrastruktur hinterfragt wird, dann doch bitte ausgewogen und direkt. Aber wer möchte dieses schon, da wird doch lieber der Kulturbegriff vorgeschoben, selbst wenn dieser seinem Inhalt entfremdet oder gar beraubt werden muss. Also auf zum Gildefest, aber bitte kulturvoll!
Anmerkung: Wenn die Frage nach Kultur gestellt wird, dann sollte diese nicht Quantitativ formuliert werden sondern Qualitativ. Zum Beispiel, welche Kultur verträgt Quedlinburg? Nur selbst unter Berücksichtigung der gegebenen Verhältnisse wird die Antwort rein spekulativ sein, oder aber ganz einfach, jene welche vorzufinden ist!
Wie viel, ist Kultur mengenmäßig zu messen? Vielleicht ja 100%, oder 80%, vielleicht auch nur 50% Kultur? Solange es Menschen gibt, welche durch ihr bewusstes Leben gestaltend tätig sind, werden es immer 100% Kultur sein, nicht mehr aber auch nicht weniger. Kultur ist Kultur, was nichts daran ändert, dass ihre Erscheinungsform sehr verschieden sein kann und immer der jeweiligen Entwicklungstuffe der Gesellschaft entspricht.
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URLs in this post:
[1] Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Kultur
[2] Mensch: http://de.wikipedia.org/wiki/Mensch
[3] gestaltend: http://de.wikipedia.org/wiki/Gestaltung
[4] Natur: http://de.wikipedia.org/wiki/Natur
[5] Technik: http://de.wikipedia.org/wiki/Technik
[6] Bildenden Kunst: http://de.wikipedia.org/wiki/Bildende_Kunst
[7] Recht: http://de.wikipedia.org/wiki/Recht
[8] Moral: http://de.wikipedia.org/wiki/Moral
[9] Religion: http://de.wikipedia.org/wiki/Religion
[10] Wirtschaft: http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft
[11] Wissenschaft: http://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaft
[12] [1]: http://de.wikipedia.org/wiki/Kultur#cite_note-0
[13] Zeitgeist: http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgeist
[14] Epoche: http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitalter
[15] philosophisch-anthropologische: http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Anthropologie
[16] deskriptiven: http://de.wikipedia.org/wiki/Deskriptiv
[17] normativen: http://de.wikipedia.org/wiki/Normativ
[18] Singular: http://de.wikipedia.org/wiki/Singular
[19] gilt: http://kucaf.de/2009/07/30/gefunden-und-zitiert/
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