Nun ist die Rede der Frau Schwan vor dem Bundestag zum 17. Juni Gegenstand einer Diskussion in der Mailingliste der Freidenker. Jedenfalls und um nichts Falsches zu schreiben, in der Liste, auf welche von der Internetpräsens aus verwiesen wird. Dabei handelt es sich um eine durchaus kontroverse, aber auch notwendige Diskussion. Zwei Beiträge werde ich hier her kopieren, da sie bezeichnend für die Zeit damals, wie auch heute sind. Es handelt sich um Reflexionen der Vorgänge aus verschiedner Sicht, vom gegenwärtigen Standpunkt der Autoren aus. Interessant ist, dass ein Autor aus den alten Bundesländern stammt und während der Ereignisse im Juni 1953 in der DDR war und der zweite Beitrag stammt von einer Autorin, welche damals die Vorgänge in Berlin erlebte. Als erstes hier der Beitrag von Hannelore, welcher als Reaktion auf folgende Beitrag von mir veröffentlicht wurde.
Ich hatte geschrieben:
Ja Hannelore,
nun schreiben die Sieger die Geschichte und werden diese entsprechend ihres Interesse interpretieren. Wobei nicht vergessen werden sollte, dass die anfänglichen Proteste durchaus berechtigt waren, aber sich nach Einlenken der Regierung und Rücknahme der ausschlaggebenden Maßnahmen, schnell erledigt hatten. Die durch das Brandenburger Tor einmarschierenden hatten eine andere Aufgabe zu erfülle, sie sollten mittels Vandalismus einen Volksaufstand anzetteln, was letztlich nicht gelungen ist. Des Weiteren wird auch gern vergessen, dass damals der kalte Krieg tobte und keine Gelegenheit ausgelassen wurde, um die DDR zu schwächen. Der 17. Juni war in diesem Zusammenhang nur die Spitze des Eisberges, wobei in diesem Fall die DDR-Führung zumindest die Vorlage gegeben hatte.
Gruß Thomas
Darauf erhielt ich folgende Antwort:
I.)
Ja, Thomas,
die Maßnahmen wurden zurückgenommen, aber inzwischen waren die Massen vom Westen aufgeputscht worden, der zusätzlich seine Achtgroschenjungs schickte. Ich habe sie als Kind selbst gesehen, sie waren nicht zu verkennen. Ich habe ja schon geschrieben, was sich in der Straße Unter den Linden tat, was mir damals Beteiligte authentisch erzählten. Und das war nur eine Stelle in der Stadt, und das war nur Berlin, in der Republik sah es auch nicht anders aus, wo sogar Gefängnisse gestürmt und Naziverbrecher freigelassen wurden, so z. B. die berüchtigte Nazisse Ilse Koch.
Wie es zu den so genannten Maßnahmen kam, kann man nachlesen, darüber gibt es jetzt genug Materialien. Die ganze Sache hing damit zusammen, dass Chruschtschow Walter Ulbricht loswerden wollte, wie andere standhafte kommunistische Arbeiterführer auch, die seinen revisionistischen Plänen im Wege standen, Ulbricht sollte über diese Maßnahmen gestürzt werden, zwar nicht von der Bevölkerung der DDR, sondern von ihm, Chruschtschow, höchstpersönlich. Chruschtschow diktierte der SED ein Programm, das verschiedene Kürzungen auf sozialem Gebiet vorsah. Die DDR-Führung protestierte gegen dieses Diktat, weil ihr klar war, dass diese Maßnahmen nicht der Situation in der DDR entsprachen und es zu Unruhen kommen könnte, aber die SED konnte sich gegenüber der KPdSU nicht durchsetzen. Natürlich blieb diese Unstimmigkeit dem Westen nicht verborgen. Er war darüber gut informiert, und als am 16. Juni die ersten Streiks in der Stalinallee begannen, war der Rias sofort zur Stelle und gab Anweisungen an die Streikenden. Der 17. Juni war eine Mischung aus, wenn man so will, berechtigten Protest der Bauarbeiter und unerhörter Einmischung der BRD in die inneren Angelegenheiten der DDR. So jedenfalls schreibt es auch Stefan Heym in seinem Buch über den 17. Juni, und Stefan Heym hat ihn als erwachsener Augenzeuge erlebt, es ist glaubhaft, was er schreibt, wenn ich auch nicht einschätzen kann, ob er nun in jeder Nuance bei der Wahrheit bleibt.
Ich selbst war am 17. Juni in der Schule, und als ich nach dem Unterricht nach Hause kam (wir hatten nicht frei bekommen wie die Westberliner Schüler) war mein Vater überraschend zu Hause. Er gab mir Geld, ich sollte sofort Brot und Butter einkaufen, es gebe Unruhen in der Stadt. Er selbst wolle wieder in die Innenstadt gehen. Als ich beim Bäcker ankam, standen dort schon ca. 200 Leute, und ich bekam für die fünfköpfige Familie nur noch ein Brot. Und dann sah ich, dass vor allen Läden lange Schlangen standen, die Leute kauften, was sie kriegten, als stünde der dritte Weltkrieg bevor. Im Lebensmittelladen gab es bis auf ein paar Ladenhüter nichts mehr. Erst da begriff ich, dass sich in der Stadt Schwerwiegendes tat. Wir Kinder liefen zum Bahnhof Köpenick. Dort hatte sich eine Menschenmenge gesammelt, da sah ich die in Niethosen gekleideten Jüngelchen. Ein Teil der Leute beschimpften sie als Achtgroschenjungs, es gab Rangeleien. Es wurden Parolen von freien Wahlen gerufen, “Nieder mit Ulbricht!” usw. die Leute fuchtelten herum und fluchten auf die S-Bahn, die nicht mehr fuhr. Ich sah nicht einen einzigen Volkspolizisten. Am Nachmittag standen wir Kinder am Straßenrand und sahen den sowjetischen Panzern zu, die vom nahen Manöverplatz aus der Wuhlheide kamen und Richtung Stadt dröhnten. Die Erwachsenen standen hinter den Gardinen und trauten sich nicht auf die Straße, Proteste sah und hörte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Meine Eltern kamen erst spätnachts zurück, meine Mutter sogar erst gegen ein Uhr nachts. Sie musste von ihrer Dienststelle (Randalierer hatten versucht, sie zu stürmen) in der Charlottenstraße in Mitte bis nach Köpenick laufen. Mein Vater hatte es bis Karlshorst geschafft, dort sah er die Panzer im Einsatz. Er sagte, dass ein paar Leute zwar protestierten gegen die sowjetischen Panzer, es habe eine ungeheure Hysterie geherrscht, aber es sei nicht zu Zwischenfällen gekommen, solange er da war. Der Rias hatte berichtet, dass in Karlshorst aus Panzern auf die Leute geschossen worden sein soll. Was also daran wahr war, entzieht sich meiner Kenntnis. Am 18. Juni lag der gesamte Bahnverkehr still, es fuhr weder die S-Bahn, noch sah ich Straßenbahnen, aber in den Köpenicker Straßen war von Unruhen nichts mehr zu bemerken. Am Bahnhof Köpenick patrouillierten Volkspolizisten und vor allen Geschäften Riesenansammlungen von Leuten. Am 19. Juni normalisierte sich wieder alles. So habe ich den 17. Juni erlebt, ich war damals zwölf Jahre alt.
Gruß, Hannelore
II.)
Der zweite Beitrag stammt von Hartmut Barth-Engelbart und ist ebenfalls als Erlebnisbericht mit Wertungen abgefasst, er folgte in der Diskussion ebenfalls meinem obigen Beitrag:
An den 17. Juni kann ich mich nicht so genau erinnern. Ich war zu dieser zeit mit meinem älteren Bruder wieder einmal zum Durchfüttern in der Magdeburger Börde. Ich kann mich noch an verschiedenen Überzeungungsbesuche der LPGler bei meinem Onkel erinnern, die ihn für die LPG gewinnen wollten. Als gläubiger Protestant und eher “Wertkonservativer” sympathisierte er mit der Großgrundbesitzer Familie Pötsch, die im Dorf wie Adlige gehandelt wurden und denen auch noch viele der ehemaligen Tagelöhner und Knechte fast sklavisch ergeben waren. So sklavisch, dass es mich trotz meiner CDU-Adenauer-Orientierung anwiderte. Die schleimten uns etwas vom herrlichen Westen vor und ob wir nicht Kaffee und Nylonstrümpfe mitbringen könnten … Sachen die wir uns im Westen auch beim besten Willen nicht leisten konnten.
Im sachsen-anhalter Flachland war vom 17. Juni eher nix zu bemerken – zumindest für uns Kinder nicht.
Wir bekamen aber von den “Königstreuen” anlässlich der Verordnungen gegen die Maul- und Klauenseuche erzählt, das sei alles nur Schikane gegen die freien Bauern: am Hoftor wurden Wasserwannen zum Fußabtreter aufgestellt. Der Kreis Köthen verteilte Desinfektionsmittel, alles wurde eingesprüht und es herrschte Schlachtverbot. Natürlich alles, um die freien Bauern zu schädigen!!!
Unsere Antwort als Kindersoldaten Konrad Adenauers kennt ihr ja bereits: Maiskolben klauen, Maisfelder Platttreten (von Innen heraus- das war ohne Risiko, denn die “Russen” hatten ja keine Hubschrauber und Flugzeuge), Unkrautsamen sammeln und in die Drillmaschinen einfüllen, Kartoffelkäfer von den freien Feldern absammeln und in die LPG-Felder streuen… Und in der MTS die Schrauben an den Maschinen lockern oder Zucker in den Tank füllen (letzteres ist mir erst jetzt wieder eingefallen – es war auch schwer, sich den Zucker dafür heimlich zu beschaffen, denn Onkels und Tanten durften nichts merken, die hätten uns mindestens verdroschen !!…
Mein Onkel hat mir 1990 noch gesagt, es hätte ihm nichts Besseres passieren können als in die LPG gegangen worden zu sein: regelmäßiger Urlaub, bessere Ausbildung für die Kinder, Bücherei am Ort, Fortbildung, Theater-Kulturveranstaltungen, hervorragende Gesundheitsvorsorge und Behandlung …geregelte Arbeitszeit … geregeltes Einkommen ..
Und nach der Wende ?? „Ich bin doch nicht verrückt, jetzt hier den Widereinrichter zu machen und so zu enden wie die meisten Bauern im Westen!!” – das war 1990. Seine Kinder haben jetzt nur noch den Hof und den Garten … was aus der LPG wurde, weiß ich nicht. Entweder ne GmbH oder ein Agraindustrieller hat sich dieses Filetstück unter den Nagel gerissen …
HaBE
Hallo Thomas,
Deinen Beitrag habe ich verlinkt (“Wuehlarbeiteraufstand”)
Schoenen Sonntag
Sepp
Hallo Sepp,
danke, hatte ich schon bemerkt!
Übrigens, was hält Du davon Dich auf dieser Liste einmal umzusehen?
Gruß Thomas