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Nun ja, es war Krieg, wenn …

Dieser Eintrag stammt von Tolo Am 20.6.2010 @ 23:56 In Spuren/Gefunden, Gedanken | 1 Kommentar

Nun läuft immer noch die Diskussion zum 17. Juni 53 in der Mailingliste und bevor ich diesen [1] Beitrag veröffentlicht hatte, hatte ich eine [2] Antwort erhalten, welche wiederum folgende Antwort zeugte:

 

Nun Herr Rüdiger,

was ist zulässig, was unzulässig? Ist es vielleicht unzulässig das ich nicht den Geschichtsinterpretationen der Sieger folge und eine andere Sicht auf die Dinge habe als Sie? Dabei kann es in diesem Zusammenhang durchaus vorkommen, dass gegebenenfalls Interpretationen als uminterpretiert erscheinen, unter Umständen sind sie aber nur der Interpretation beraubt worden.

In diesem Zusammenhang können wir auch über vieles streiten, aber sicher nicht darüber, dass wir Vertreter verschiedener „Systeme gesellschaftlicher (politischen, ökonomischen, philosophischen, künstlerischen, religiösen usw.) Ideen, die durch die materiellen Verhältnisse der Gesellschaft, insbesondere die Produktionsverhältnisse, bedingte Klasseninteressen zum Ausdruck bringen und darauf gerichtet sind, das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen entsprechend zu beeinflussen, und in entsprechenden Verhaltensnormen, Einstellungen und Wertungen ihren Ausdruck finden.“ kurz geschrieben, [3] Ideologien sind. Dieses ist übrigens selbst der Fall, wenn sie der Meinung sein sollten, dass Ideologie etwas Schlechtes ist und nur zu verwenden, wenn etwas besonders abgewertet werden soll. Im speziellen eine andere Meinung, in dem z. B. versucht wird ihr die Keule, ‘dass ist doch ideologisch’, überzuziehen. So wird bei Ihnen meine Meinung als „eine ideologisch unzulässige Uminterpretation“ angesehen. Dabei sind Sie genauso wie Frau Schwan in ihrer Rede geneigt auf die Tränendrüsen zu drücken, in dem sie tiefes Mitgefühl für die bedauernswerten Arbeiter heucheln.

Nun weiß ich nicht was Sie sind und woher sie stammen, aber ich bin so ein „bedauernswerter Proletarier“ welcher Jahre nach 1953 in die DDR hinein geboren wurde, in ihr aufgewachsen ist, in ihr gelernt, gelebt, geliebt, gearbeitet hat und über dem 1990 die Segnungen der kapitalistischen Gesellschaft kamen. Und ich kann ihnen sagen, ich bin heute froh, dass diese Segnungen nicht schon 1953 über uns gekommen sind, nicht nur das dann auch einiges in der alten Bundesrepublik anders gelaufen wäre, ich hätte auch viele Vorteile nicht nutzen können.

So wäre es mir zum Beispiel nicht möglich gewesen eines der besten Bildungssystem seiner Zeit zu durchlaufen, eine Lehrstelle hätte ich eventuell auch nicht bekommen und die verschiedensten Fortbildungsmaßnahmen wären so verschlossen geblieben. Dazu kommen Errungenschaften mit niedrigen Lebenshaltungskosten, einem kostenfreien Gesundheitssystem, klare und verständliche gesetzliche Regelungen, ein Steuersystem welches überschaubar und unkompliziert war und vieles andere mehr. Ich habe nie gehungert und meinen ersten Obdachlosen habe ich 1992 in Essen gesehen. Suppenküchen und Tafeln gab es nicht in der DDR und die Existenz war über ein eigenes Einkommen gesichert.

Ja Herr von und zu und so ist die Welt anders bei Ihnen (jedenfalls stellt sie sich anders da), wenn der Fantasie nicht nur freien Raum gelassen wird, sondern auch die Geschichte aus ihren Zusammenhängen gerissen. Sicher gab es dabei auch falsche Entscheidungen der DDR-Führung, warum, weshalb, weswegen ist hier aber nicht Gegenstand der Betrachtung, genauso wenig wie die Rücknahme oder Korrektur der Selben. Ganz im Gegenteil, es werden in diesem Zusammenhang irgendwelche ideellen Vorstellungen verbreitet, von einer heilen, schönen und aufstrebenden Welt im Westen. Es wird im Chor das Lied der Illusionen gesungen, welches auch schon damals gegen die Verhältnisse in der DDR angestimmt wurde und denen 1989 allzu viele freiwillig folgten und damit letztlich den Systemwechsel einläuteten, welcher den Menschen in der DDR 1953 noch erspart geblieben ist. Die Folgen sind allgegenwärtig und die Interessen der Arbeiter spielen nun keine Rolle mehr.

Wobei und realistisch Betrachtet, haben sie es 1953 auch nicht, die Interessen der Arbeiter, sie dienten nur als Mittel zum Zweck, in dem die Kräfte des Kapitals sie für ihre Interessen zu Instrumentalisieren suchten. In diesem Zusammenhang wäre es vielleicht angebracht, Herr von und zu, sich in der Einschätzung der Verhältnisse in der DDR zurückzuhalten und notwendige Differenziertheit an den Tag zu legen. Sofern sie nicht in der DDR gelebt haben, schreiben sie in Ihrer Art so und so nur wie der Blinde über die Farbe und werden über allgemeines Bildzeitungsniveau nicht hinauskommen. Des Weiteren offenbart ihr idealistischer Standpunkt auch noch eine profunde Unkenntnis ökonomischer Zusammenhänge, sowie historischer Begebenheiten. In diesem Zusammenhang negieren sie vollkommen die Ursachen der Teilung Deutschlands, als Ergebnis des zweiten Weltkrieges und der betriebenen Politik der Westmächte, sowie bundesdeutscher Politiker. So wurde gerade durch die USA und den anderen westlichen Besatzungsmächte, nach Beendigung des heißen Krieges, auf kalten Krieg umgeschaltet. Ein erster Akt dafür war der militärisch völlig unsinnige Abwurf zweier Atombomben auf japanische Städte, da nach der abgesprochenen Kriegserklärung der UdSSR an Japan auch der Krieg in Fernost auf sein Ende zuging. Die Atombombe war rechtzeitig fertig geworden, um sie im Krieg noch einzusetzen und als neues militärisches Druckmittel zu präsentieren.

In Europa war vordem wieder Frieden eingezogen, ohne jedoch die Nachwehen des Krieges vermissen zu lassen. Deutschland war unter den Siegermächten in Zonen aufgeteilt und hatte mit der Entnazifizierung begonnen. So wurden in der sowjetischen Besatzungszone bis zur Auflösung der Entnazifizierungskommission im Jahre 1948 rund 520.000 Faschisten, Militaristen und Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen. In den westlichen Besatzungszonen hingegen wurden in erster Linie „Persilscheine“ verteilt und die für die faschistische Entwicklung verantwortlichen Kräfte (Monopolkapitalisten, Großgrundbesitzer, Generäle und hohe Verwaltungsbeamte) konnten sich der Verantwortung entziehen. Dadurch konnten Nazi- und Kriegsverbrecher in der BRD bald wieder hohe Positionen, vor allem in Armee und Polizei, Geheimdienst und Justiz, besetzen und neonazistische Organisationen ihr Unwesen treiben. So wurde schon frühzeitig unter Verletzung des Potsdamer Abkommens durch die Westmächte auf die Spaltung Deutschlands hin gearbeitet, welches durch die separate Währungsreform in den Westzonen im Juni 1948 erheblich beschleunigt wurde. Durch diese Reform wurde die einheitliche deutsche Währung einseitig außer Kraft gesetzt, welches die bis dahin schwerwiegendste Verletzung des Potsdamer Abkommens bedeutete. Mit der separaten Währung wurde ein tiefer ökonomischer Graben innerhalb des bis dahin einheitlichen deutschen Nationalverbandes gezogen. Am 7.9.1949 entstand die BRD im Ergebnis imperialistischer Spaltungspolitik aus den ehemaligen westlichen Besatzungszonen Deutschlands unter Bruch des Potsdamer Abkommens. Als Reaktion darauf wurde am 7.10.1949 die DDR gegründet. Allein schon der zeitliche Ablauf dieser Handlungen zeigt, von wem die Spaltung des Landes betrieben wurde. Wenn dann noch berücksichtigt wird, dass das Angebot der Sowjetunion Anfang der 1950iger Jahre, ein einheitliches und neutrales Deutschland nach dem Vorbild Österreichs zu schaffen, von Adenauer mit der Bemerkung, ‘lieber ein halbes Deutschland ganz, als ein ganzes Deutschland halb’, abgelehnt wurde, dann wird eigentlich offensichtlich von wem die deutsche Spaltung betrieben und lange Zeit erhalten wurde. Das nach der Spaltung in der DDR erst einmal die Grundlagen für eine eigenständige Wirtschaft aufgebaut werden mussten, ist nicht nur den hohen Wiedergutmachungsleistungen gegenüber der Sowjetunion geschuldet, sondern auch der ursprünglichen wirtschaftlichen Strukturierung im einheitlichem Deutschland. So befanden sich auf den Gebiet der DDR die wenigsten Industriestandorte und so gut wie keine Schwerindustrie, welche das Rückgrat einer jeden Wirtschaft bildet. Somit musste diese erst einmal als Grundlage der Wirtschaft überhaupt geschaffen werden. Darauf aufbauend konnten weitere Wirtschaftszweige entwickelt werden und das auch noch unter den Bedingungen der verschiedensten Embargos und Sabotageakte. Dem Westen lag viel daran der Wirtschaft im Osten zu schaden und die Schäden, durch die separate Währungsreform und die spätere staatliche Teilung waren nicht unerheblich. Das darauf die junge DDR reagieren musste, war zwangsläufig, dass dabei auch Fehler gemacht wurden, ist kaum zu vermeiden gewesen, dass man diese Fehler auch korrigiert hat, zeugte aber auch von Stärke.

(Übrigens habe ich in der Unterstufe den Text der Nationalhymne noch gelernt, erst ab 1970 oder 71 wurde er nicht mehr gesungen.)

Nun gut, oder auch nicht gut Herr von und zu, der Hut geht einen hoch bei ihrer Geschichtsverklärung, (da ich aber Kopfbedeckungsscheu bin, habe ich damit weniger Probleme), dabei haben die Auseinandersetzungen 1953 durchaus auch ihre Ursachen innerhalb der DDR gehabt, das Ausmaß ist aber nicht unerheblich westlichen Einfluss geschuldet. Die Grenze war offen und im kalten Krieg war jedes Mittel recht, außer direkter kriegerischer Konfrontation, um den Gegenüber zu schaden. Dabei hat die BRD vor offener Einmischung in die Angelegenheiten der DDR nie zurück geschreckt. Ja, der kalte Krieg wurde mit verbissener Härte, jede Schwäche des Gegners nutzend, geführt. Heute es so darzustellen, als ob es diese Auseinandersetzung mit all ihren Folgen nicht gegeben hätte und dass der Westen nur das Beste für die Menschen im Osten wollte und sich dabei besonders für die arbeitende Bevölkerung eingesetzt hat, ist reinste Heuchelei und fernab jeglicher historischen Realität. So ist ihre Ansicht auf die historischen Entwicklungen, wie auch der gegenwärtigen Entwicklungen innerhalb des kapitalistischen Systems, wo die Interessen der Werktätigen sich den Interessen der Wirtschaft bedingungslos zu beugen haben und maximal eine Rolle spielen wen es wirtschaftliches Interesse fördert, leicht zu widerlegen. Der Leistungsdruck zum Beispiel, welcher heute auf den Menschen lastet ist enorm und war so in der DDR nicht einmal Vorstellbar. So konnte sich die Masse der DDR Bürger 1989 auch nicht vorstellen in einem System der sozialen Unsicherheit und der Existenznöte zu leben und ist somit  freudig und naiv aus ihrer Sicherheit heraus in die Konsumtempel des Westens geströmt, wobei sie ihre Werte gegen Glasperlen getauscht haben. Warum das so war, hat durchaus die DDR Führung mitzuverantworten, aber nach diesem Gründen wird nicht gesucht, würden sie doch die eigentlichen Ursachen des Untergangs des Sozialismus in der DDR erkennen lassen und entsprechende Lehren für die Zukunft hervorbringen.

Aber wie dem auch ist, nun klagen gerade solche Menschen wie sie immer auch wieder ihre Meinungsfreiheit ein und versäumen dieses auch nicht in einer Liste wie dieser zu bekunden, sind aber im Gegenzug nicht bereit die Meinung anderer gelten zu lassen, ohne diese als verwerflich, falsch, unzulässig u.s.w. u.s.f zu verurteilen. Und Glauben sie ruhig, der Glaube soll ja des Menschen Himmelreich sein, so manches ist wirklich Unglaublich, weil es ganz einfach wahr ist, also nicht auf Glauben, sondern auf Wissen beruht. Dabei bin ich mit Sicherheit nicht geneigt das Volk der DDR zu verhöhnen, ich weiß ja nicht woher sie kommen, und selbst auf die Gefahr hin mich zu wiederhole, ich wurde in der DDR geboren, bin dort aufgewachsen, habe dort gelebt, gelernt, gearbeitet, geliebt usw. usf. Ich habe das System in der DDR also erlebt, erfahren und auch mitgestaltet, aber ich habe auch das kapitalistische System der BRD kennen gelehrt. Ja ich muss sogar in diesem System leben, dieses seit nun schon 20 Jahren und das Leben ist um ein vielfaches schwerer und unangenehmer als in der DDR, auch wenn es durchaus so manche Annehmlichkeit gibt, welche es in der DDR nicht gab, aber nur sofern man sich diese leisten kann. Nein, die Erfahrung selbst lehrt mich welches System, bei allen Mängeln, Fehlern und Unzulänglichkeiten das für die Menschen bessere war.

Zusammenfassend:

Nein, ich verhöhne die Proteste im Juni 53 nicht, aber sie sollten realistisch betrachtet, in ihrer Zeit eingeordnet und nicht der Verklärung folge geleistet werden. Es war die Zeit des kalten Krieges und der Aufbau in der DDR traf auf alles Mögliche, nur nicht auf die Gegenliebe der herrschenden Kreise in der BRD, welche mit den verschiedensten Mitteln versuchten diesen zu stören. Diese Systemauseinandersetzung ist, wie wir auch hier sehen, noch lange nicht abgeschlossen, auch wenn sie unter anderen Vorzeichen geführt wird. Es ist gerade auch wichtig, solchen Leuten wie Ihnen nicht die Hoheit der Geschichtsinterpretation/schreibung zu überlassen. Dabei konnte ich feststellen, wo sie in Ihrer Argumentation nicht weiter kommen, greifen sie wie hier zur moralischen Keule und unterstellen mir eine Verhöhnung der Opfer. Welches zum einen nicht stimmt und zum anderen wäre schon interessant wer die Opfer waren, woher sie kamen und warum sie sich geopfert haben, oder warum und in wessen Interesse sie geopfert wurden! Nicht zu vergessen, warum gerade in diesem Zusammenhang bürgerliche Kreise die Interessen des Proletariats so in den Vordergrund rücken, wo sie doch ansonsten geneigt sind diese eher mit den Füßen zu treten?

Nun ja, es war Krieg, wenn er auch kalt war und nun scheinen hier mit Ihnen die kalten Krieger wieder erweckt zu werden. Aber was soll es, mit der Zuspitzung der Widersprüche in der Gesellschaft, ins Besondere auch des [4] Grundwiderspruchs des Kapitalismus, werden sich auch solche Auseinandersetzung in Zukunft verschärfen.

Th.


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[4] Grundwiderspruchs des Kapitalismus: http://ml-theorie-gedanken.kucaf.de/2009/12/16/grundwiederspruch-des-kapitalismu
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