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Ein Leben am Abgrund, ein Situationsbericht.

Dieser Eintrag stammt von kucaf Am 8.9.2010 @ 16:54 In Spuren/Gefunden, Entliehen | 1 Kommentar

Ein Leben am Abgrund, ein Situationsbericht.

In der Mailingliste der Freidenker fand ich in einem Anhang folgenden Text, welcher nicht uninteressant ist und durchaus ein treffendes Bild von den Verhältnissen in diesem Land zeichnet. Mit Zustimmung der Autorin werde ich diesen Beitrag hier her kopieren und veröffentlichen. Dabei ist dieses Einzelschicksal durchaus interessant, da es stellvertretend für viele andere ähnlich geartete Schicksale steht und die Folgen asozialer Politik der Anonymität entreißt.    

Ein Leben am Abgrund

Von Birgit Kühr

Lebe ich noch, oder existiere ich nur noch? Diese Frage stellen sich viele Hartz IV-Betroffene oder Minirentner. Jeder Mensch empfindet anders, deshalb kann ich hier nur über meine Gefühle berichten.

Ich erhalte 277 Euro EU-Rente. Das reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Mit meinen Ehemann lebe ich in einer Bedarfsgemeinschaft und erhalte zusätzlich Hartz IV. Mein Mann ist 56 Jahre alt und hat keine Chance mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt. Ich bin zwar erst 49, aber zu 70 Prozent behindert und sitze im Rollstuhl.

Alte Menschen und Menschen mit Behinderung sind in diesem Staat unerwünscht. Ich fühle mich jedenfalls diskriminiert, wenn  die Vergünstigungen für Bus- und Zugfahrten wegfallen sollen. Gerade alte Menschen und Behinderte sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Aber wir können ja verblöden und brauchen nicht an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Da sind aber noch die vielen Arztbesuche, die wir in Anspruch nehmen müssen. Aber wenn die Praxisgebühr auch noch steigen sollte, dann geben wir eben den Löffel ab. Auch bei der Medikamentenzuzahlung sollen gerade die Behinderten und alte Menschen mehr in die Tasche greifen. Auf diese Art und Weise kann man auch die Bevölkerung reduzieren, denn nicht alle werden sich auf Dauer die notwendigen Medikamente leisten können.

Im letzten Jahr war ich lebensbedrohlich erkrankt. Ich habe ein halbes Jahr um mein Leben gekämpft. Immer wieder wollte ich aufgeben. Aber mein Mann sagte stets: Lass mich nicht alleine, denn ich lebe doch schon ein trostloses Leben mit Hartz IV!

Diesen Kampf habe ich gewonnen und heute weiß ich, dass der Kampf sich gelohnt hat. Ich sitze zwar im Rollstuhl, bin aber nicht blöd und kämpfe für meine Rechte. Niemand wird mich aufhalten, wenn ich an Protestaktionen teilnehme oder selber welche organisiere.

Ein Leben am Abgrund – ich weiß, was das bedeutet. Je weiter der Monat voranschreitet, leert sich der Kühlschrank immer mehr. Die Werbungen mit Sonderangeboten bei Lebensmitteln werden sorgfältig studiert. Ein dringend nötiger Schrank wird immer ein Traum bleiben. Die größte Angst hat man vor Reparaturen, z. B. am Kühlschrank. Am kulturellen Leben kann man nur bei kostenlosen Veranstaltungen teilnehmen. Dafür muss man sich durch Bürokratenkram wälzen. Vergisst man einen Antrag oder eine Auflage, hat es schwerwiegende Folgen.

Sind wir eigentlich noch Menschen oder nur unnötiger Ballast für die Gesellschaft? Ich fühle mich jedenfalls nicht überflüssig. Ich möchte Kontakte knüpfen, denn nur gemeinsam können wir den Regierenden eine furchtbare Angst machen – die sie brauchen. Denn auf ihre Einsicht in unser beschissenes Leben rechne ich nicht mehr.  

 


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